BILDHAFTER UNTERRICHT

Kategorie

Pädagogik

Geschrieben

BILDHAFTER UNTERRICHT

BILDHAFTER UNTERRICHT

BILDHAFTER UNTERRICHT – DER SCHLÜSSEL ZUM VERSTEHEN

Der Unterricht an unserer Schule ist von einem bildhaften und lebendigen Zugang geprägt, der Lernen über Vorstellungskraft, Bewegung und Erleben ermöglicht. Am Beispiel des Rechenunterrichts in der ersten Klasse und der Trigonometrie-Epoche in der 10. Klasse wird deutlich, wie Kinder auf diese Weise einen tiefen und nachhaltigen Zugang zu mathematischen Inhalten entwickeln.


Zu Beginn der Rechenepoche steht die lebendige Erfahrung der Zahl. Die Kinder nähern sich dem Zählen nicht abstrakt, sondern ganzheitlich über Bewegung und Rhythmus: beim Seilspringen, Klatschen oder Gehen. Das Zählen wird dabei zunächst durch den Körper erlebt – die Gliedmaßen „zählen“, während der Kopf die entstehenden Zahlenbilder widerspiegelt. So wird das Zählen als innerer, rhythmischer Vorgang erfahrbar.

Ein wesentliches Anliegen ist es, dass die Kinder die Qualität und das Wesen der Zahlen erfassen. Die Eins wird als umfassende Einheit erlebt, die alles in sich trägt. Die Zwei begegnet uns in der Dualität – etwa in Tag und Nacht, Mutter und Vater oder den beiden Augen. Auf diese Weise entwickeln die Kinder ein lebendiges Verhältnis zu den Zahlen, bevor sie deren abstrakte Zeichen – die Ziffern – kennenlernen.

Auch die vier Grundrechenarten werden nicht isoliert eingeführt, sondern durch anschauliche Bilder und kindgerechte Geschichten erlebbar gemacht. Dabei begegnen die Kinder der sogenannten „Rechenbande“, deren Charaktere mit den menschlichen Temperamenten verbunden sind.

Zugleich ist es ein zentrales Anliegen der Waldorfpädagogik, die Entwicklung der emotionalen Intelligenz zu fördern. Der Unterricht richtet sich daher nicht nur an den Verstand, sondern bezieht die unterschiedlichen seelischen Konstitutionen der Kinder bewusst mit ein. Die vier klassischen Temperamente – Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker – dienen dabei als Orientierung, um die Kinder in ihrer Individualität wahrzunehmen und anzusprechen. So wird der Rechenunterricht lebendig, abwechslungsreich und spielerisch gestaltet.

Plusko, der Phlegmatiker, sammelt gerne und fügt zusammen. Ausgehend vom Ganzen entdeckt er die Addition: Möchte er beispielsweise 10 Erdäpfel holen, trägt er zunächst 6 und anschließend 4 – so wird erfahrbar, dass sich das Ganze aus seinen Teilen zusammensetzt (10 = 6 + 4).

Minuskula, die Melancholikerin, bringt die Subtraktion ins Spiel. Sie verliert auf ihrem Weg immer wieder Dinge, wodurch sich das Wegnehmen als Erfahrung erschließt: Von 18 Äpfeln bleiben durch ein Loch im Sack nur 11 übrig (11 = 18 – 7).

Multi, der lebhafte Sanguiniker, führt die Kinder in die Welt der Multiplikation. Mit seiner bewegten Art regt er dazu an, Zahlen in rhythmischen Schritten zu erfassen und zu vervielfachen.

Dividora, die entschlossene Cholerikerin, verkörpert die Division. Ihr Sinn für Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass sie alles gleichmäßig verteilt – jedes Kind soll den gleichen Anteil erhalten.

Auf diese Weise entsteht ein ganzheitlicher Mathematikunterricht, der kognitive, seelische und soziale Fähigkeiten gleichermaßen anspricht und die Freude am Lernen nachhaltig stärkt.


Trigonometrie-Epoche in der 10. Klasse


Besonders handgreiflich ist der bildliche Zugang in der Oberstufe im Vermessungspraktikum der 10. Klasse als Anwendung der Trigonometrie. Den Jugendlichen tritt ein Stück Gelände zunächst als Landschaft gegenüber, als ungeordnete, für sie oft belanglose, ihnen entfremdete Natur, irgendwie immer als eine Art Gestrüpp, das man meidet, gerade wie das Formel- und Zahlengestrüpp der Mathematik. Beim Vermessen aber sind sie wiederholt genötigt, sich in dieses hinein zu begeben, es zu durchkämmen, in ihm die stecknadelgroß gesehenen Vermessungsstangen durchs Teleskop eines Theodoliten – manchmal sogar hinter Heuhaufen - zu suchen, sich auch körperlich mit Messstangen dorthin zu begeben, ihre Maßzahlen zu erfassen, zu protokollieren, auszuwerten und durch diesem äußeren entsprechende mathematische Suchbewegungen in ihrem Inneren in Punkte auf einer Karte zu verwandeln. 


Dabei wird ihnen das Gelände immer mehr vertraut, wie der Fuchs dem kleinen Prinzen und durch das äußere Bild der Landkarte entsteht ein inneres Bild, das ihnen die Landschaft erschließt als einen Raum, in dem sie orientiert sind und zunehmend zuhause. Mathematik als Schlüssel zum eigenen Inneren, als Werkzeug dieses zu bereichern und zu erfassen, ist mehr als Rechnen und Zahlen. So werden die kalten, abstrakten Gedankenstrukturen wieder an das Leben und Menschsein angebunden, und erhellen den Weg zur Entfaltung einer vielfältigen, autonomen Persönlichkeit.




BILDHAFTER UNTERRICHT

Kategorie

Pädagogik

Geschrieben

BILDHAFTER UNTERRICHT

BILDHAFTER UNTERRICHT

BILDHAFTER UNTERRICHT – DER SCHLÜSSEL ZUM VERSTEHEN

Der Unterricht an unserer Schule ist von einem bildhaften und lebendigen Zugang geprägt, der Lernen über Vorstellungskraft, Bewegung und Erleben ermöglicht. Am Beispiel des Rechenunterrichts in der ersten Klasse und der Trigonometrie-Epoche in der 10. Klasse wird deutlich, wie Kinder auf diese Weise einen tiefen und nachhaltigen Zugang zu mathematischen Inhalten entwickeln.


Zu Beginn der Rechenepoche steht die lebendige Erfahrung der Zahl. Die Kinder nähern sich dem Zählen nicht abstrakt, sondern ganzheitlich über Bewegung und Rhythmus: beim Seilspringen, Klatschen oder Gehen. Das Zählen wird dabei zunächst durch den Körper erlebt – die Gliedmaßen „zählen“, während der Kopf die entstehenden Zahlenbilder widerspiegelt. So wird das Zählen als innerer, rhythmischer Vorgang erfahrbar.

Ein wesentliches Anliegen ist es, dass die Kinder die Qualität und das Wesen der Zahlen erfassen. Die Eins wird als umfassende Einheit erlebt, die alles in sich trägt. Die Zwei begegnet uns in der Dualität – etwa in Tag und Nacht, Mutter und Vater oder den beiden Augen. Auf diese Weise entwickeln die Kinder ein lebendiges Verhältnis zu den Zahlen, bevor sie deren abstrakte Zeichen – die Ziffern – kennenlernen.

Auch die vier Grundrechenarten werden nicht isoliert eingeführt, sondern durch anschauliche Bilder und kindgerechte Geschichten erlebbar gemacht. Dabei begegnen die Kinder der sogenannten „Rechenbande“, deren Charaktere mit den menschlichen Temperamenten verbunden sind.

Zugleich ist es ein zentrales Anliegen der Waldorfpädagogik, die Entwicklung der emotionalen Intelligenz zu fördern. Der Unterricht richtet sich daher nicht nur an den Verstand, sondern bezieht die unterschiedlichen seelischen Konstitutionen der Kinder bewusst mit ein. Die vier klassischen Temperamente – Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker – dienen dabei als Orientierung, um die Kinder in ihrer Individualität wahrzunehmen und anzusprechen. So wird der Rechenunterricht lebendig, abwechslungsreich und spielerisch gestaltet.

Plusko, der Phlegmatiker, sammelt gerne und fügt zusammen. Ausgehend vom Ganzen entdeckt er die Addition: Möchte er beispielsweise 10 Erdäpfel holen, trägt er zunächst 6 und anschließend 4 – so wird erfahrbar, dass sich das Ganze aus seinen Teilen zusammensetzt (10 = 6 + 4).

Minuskula, die Melancholikerin, bringt die Subtraktion ins Spiel. Sie verliert auf ihrem Weg immer wieder Dinge, wodurch sich das Wegnehmen als Erfahrung erschließt: Von 18 Äpfeln bleiben durch ein Loch im Sack nur 11 übrig (11 = 18 – 7).

Multi, der lebhafte Sanguiniker, führt die Kinder in die Welt der Multiplikation. Mit seiner bewegten Art regt er dazu an, Zahlen in rhythmischen Schritten zu erfassen und zu vervielfachen.

Dividora, die entschlossene Cholerikerin, verkörpert die Division. Ihr Sinn für Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass sie alles gleichmäßig verteilt – jedes Kind soll den gleichen Anteil erhalten.

Auf diese Weise entsteht ein ganzheitlicher Mathematikunterricht, der kognitive, seelische und soziale Fähigkeiten gleichermaßen anspricht und die Freude am Lernen nachhaltig stärkt.


Trigonometrie-Epoche in der 10. Klasse


Besonders handgreiflich ist der bildliche Zugang in der Oberstufe im Vermessungspraktikum der 10. Klasse als Anwendung der Trigonometrie. Den Jugendlichen tritt ein Stück Gelände zunächst als Landschaft gegenüber, als ungeordnete, für sie oft belanglose, ihnen entfremdete Natur, irgendwie immer als eine Art Gestrüpp, das man meidet, gerade wie das Formel- und Zahlengestrüpp der Mathematik. Beim Vermessen aber sind sie wiederholt genötigt, sich in dieses hinein zu begeben, es zu durchkämmen, in ihm die stecknadelgroß gesehenen Vermessungsstangen durchs Teleskop eines Theodoliten – manchmal sogar hinter Heuhaufen - zu suchen, sich auch körperlich mit Messstangen dorthin zu begeben, ihre Maßzahlen zu erfassen, zu protokollieren, auszuwerten und durch diesem äußeren entsprechende mathematische Suchbewegungen in ihrem Inneren in Punkte auf einer Karte zu verwandeln. 


Dabei wird ihnen das Gelände immer mehr vertraut, wie der Fuchs dem kleinen Prinzen und durch das äußere Bild der Landkarte entsteht ein inneres Bild, das ihnen die Landschaft erschließt als einen Raum, in dem sie orientiert sind und zunehmend zuhause. Mathematik als Schlüssel zum eigenen Inneren, als Werkzeug dieses zu bereichern und zu erfassen, ist mehr als Rechnen und Zahlen. So werden die kalten, abstrakten Gedankenstrukturen wieder an das Leben und Menschsein angebunden, und erhellen den Weg zur Entfaltung einer vielfältigen, autonomen Persönlichkeit.