SCHULREIFE

Kategorie

Pädagogik

Geschrieben

SCHULREIFE

SCHULREIFE

„DAS GRAS WÄCHST NICHT SCHNELLER, WENN MAN DARAN ZIEHT.“

sagt ein afrikanisches Sprichwort. Plastischer kann man die Tatsache nicht beschreiben, dass Kinder Zeit brauchen, wenn in ihnen Fähigkeiten nachhaltig heranreifen sollen.

Wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Bereichen belegen, dass Stress und Druck, auch Zeitdruck, die gesunde Entwicklung eines Kindes dramatisch behindern. Es gibt bisher keinerlei Hinweise darauf, dass die Vorverlegung des Einschulungsalters eine gesunde Entwicklung fördern würde, geschweige denn, dass damit etwa die Lernfreude oder die Lernergebnisse gesteigert würden. Das Gegenteil ist der Fall. Kinderärzte sehen in der Praxis diverse psychosomatische Folgen von nicht altersgemäßem Stress.

www.waldorf.at/waldorfschulen/schulreife

Dr. Elisabeth Frank, ehemalige Schulärztin in Wien-Mauer

 


Wir sind schneller,
wenn wir uns Zeit nehmen!

Artikel von der Eva Moravansy


Ich kannte einmal ein Kind, als ich noch selbst eines war, das konnte mit knapp sechs Jahren schon lesen und schreiben, während ich mir noch eine Weile genüsslich die besten Geschichten von Eltern und Großeltern, Tanten und LehrerInnen erzählen ließ.

Lesen und Schreiben übte ich auch gerne, das stimmt, aber ich saß auch genauso gerne hoch oben in einem Baum oder ließ, in meinem kreativen Spiel völlig versunken, etwas Besonderes entstehen. Dieses andere Kind war fleißig in der Schule und sehr schlau und immer sehr beschäftigt, denn wenn sie fleißig war, dann waren ihre Eltern stolz auf sie.

Meine Eltern waren natürlich auch stolz auf mich, wenn ich fleißig war. Aber sie waren auch stolz auf mich, wenn ich auf einen Baum klettern konnte, wenn ich ein schönes Bild gemalt hatte oder ganz alleine einen Kuchen gebacken hatte. Nur selten trafen wir uns, dieses andere Kind und ich, um miteinander zu spielen. Dann verloren wir uns aus den Augen.

Einige Jahre später begegneten wir uns wieder. Ich saß da im Park, mit einem meiner vielen Lieblingsbücher im Rucksack und einem gut gehüteten Tagebuch, sie mit einigen dicken Schulbüchern. Neugierig kamen wir miteinander ins Gespräch. Was hatte sie in den letzten Jahren erlebt? Was hatte ich erlebt?

Fröhlich begann ich zu erzählen und zu fragen, nur um bald inmitten meiner sorglosen Fragerei betroffen innezuhalten: Dieses Kind, das ich früher so bewundert hatte, weil sie mit sechs Jahren schon so gut lesen konnte, hatte jetzt keine Lust mehr zu lesen! Lesen gehörte für sie zum dichten Schulalltag dazu, war eine unvermeidliche Pflicht geworden. Lieber sah sie sich etwas im Fernsehen an, wenn sie mal Zeit hatte, sagte sie achselzuckend. Sie hatte keine Lieblingsbücher und auch kein Tagebuch, in dem sie interessante Erlebnisse dokumentierte. Sie hatte noch nie ein Gedicht geschrieben oder in einem Theaterstück mitgespielt - sie hatte keine Freude an der Schule, im Gegensatz zu mir.

Sie hatte Lesen gelernt, um in der Schule über Wasser zu bleiben, während für mich das Lesen und Schreiben so etwa ab meinem 10. Lebensjahr wie Tore zu immer neuen, spannenden Welten geworden waren. Ich hatte fast zwei Jahre später als sie begonnen, flüssig zu lesen, und hatte doch letztendlich um all diese zauberhaften Welten einen beachtlichen Vorsprung gewonnen.

Plötzlich entdeckte ich in ihren Augen mit Erstaunen, dass sie mich beneidete um meine Lebensfreude. Für diesen Vorsprung, den ich erlangt hatte, weil mir mehr Zeit zum Erforschen der Welten gegeben worden war, werde ich ewig dankbar sein.


 

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„DAS GRAS WÄCHST NICHT SCHNELLER, WENN MAN DARAN ZIEHT.“

sagt ein afrikanisches Sprichwort. Plastischer kann man die Tatsache nicht beschreiben, dass Kinder Zeit brauchen, wenn in ihnen Fähigkeiten nachhaltig heranreifen sollen.

Wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Bereichen belegen, dass Stress und Druck, auch Zeitdruck, die gesunde Entwicklung eines Kindes dramatisch behindern. Es gibt bisher keinerlei Hinweise darauf, dass die Vorverlegung des Einschulungsalters eine gesunde Entwicklung fördern würde, geschweige denn, dass damit etwa die Lernfreude oder die Lernergebnisse gesteigert würden. Das Gegenteil ist der Fall. Kinderärzte sehen in der Praxis diverse psychosomatische Folgen von nicht altersgemäßem Stress.

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Dr. Elisabeth Frank, ehemalige Schulärztin in Wien-Mauer

 


Wir sind schneller,
wenn wir uns Zeit nehmen!

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Ich kannte einmal ein Kind, als ich noch selbst eines war, das konnte mit knapp sechs Jahren schon lesen und schreiben, während ich mir noch eine Weile genüsslich die besten Geschichten von Eltern und Großeltern, Tanten und LehrerInnen erzählen ließ.

Lesen und Schreiben übte ich auch gerne, das stimmt, aber ich saß auch genauso gerne hoch oben in einem Baum oder ließ, in meinem kreativen Spiel völlig versunken, etwas Besonderes entstehen. Dieses andere Kind war fleißig in der Schule und sehr schlau und immer sehr beschäftigt, denn wenn sie fleißig war, dann waren ihre Eltern stolz auf sie.

Meine Eltern waren natürlich auch stolz auf mich, wenn ich fleißig war. Aber sie waren auch stolz auf mich, wenn ich auf einen Baum klettern konnte, wenn ich ein schönes Bild gemalt hatte oder ganz alleine einen Kuchen gebacken hatte. Nur selten trafen wir uns, dieses andere Kind und ich, um miteinander zu spielen. Dann verloren wir uns aus den Augen.

Einige Jahre später begegneten wir uns wieder. Ich saß da im Park, mit einem meiner vielen Lieblingsbücher im Rucksack und einem gut gehüteten Tagebuch, sie mit einigen dicken Schulbüchern. Neugierig kamen wir miteinander ins Gespräch. Was hatte sie in den letzten Jahren erlebt? Was hatte ich erlebt?

Fröhlich begann ich zu erzählen und zu fragen, nur um bald inmitten meiner sorglosen Fragerei betroffen innezuhalten: Dieses Kind, das ich früher so bewundert hatte, weil sie mit sechs Jahren schon so gut lesen konnte, hatte jetzt keine Lust mehr zu lesen! Lesen gehörte für sie zum dichten Schulalltag dazu, war eine unvermeidliche Pflicht geworden. Lieber sah sie sich etwas im Fernsehen an, wenn sie mal Zeit hatte, sagte sie achselzuckend. Sie hatte keine Lieblingsbücher und auch kein Tagebuch, in dem sie interessante Erlebnisse dokumentierte. Sie hatte noch nie ein Gedicht geschrieben oder in einem Theaterstück mitgespielt - sie hatte keine Freude an der Schule, im Gegensatz zu mir.

Sie hatte Lesen gelernt, um in der Schule über Wasser zu bleiben, während für mich das Lesen und Schreiben so etwa ab meinem 10. Lebensjahr wie Tore zu immer neuen, spannenden Welten geworden waren. Ich hatte fast zwei Jahre später als sie begonnen, flüssig zu lesen, und hatte doch letztendlich um all diese zauberhaften Welten einen beachtlichen Vorsprung gewonnen.

Plötzlich entdeckte ich in ihren Augen mit Erstaunen, dass sie mich beneidete um meine Lebensfreude. Für diesen Vorsprung, den ich erlangt hatte, weil mir mehr Zeit zum Erforschen der Welten gegeben worden war, werde ich ewig dankbar sein.